Slowtravel – Backpacking in Kroatien

Mit Bahn, Bus und Schiff durch Istrien und Dalmatien

Kroatien. Das Urlaubsland der fettbäuchigen Österreicher. So hielt sich bei mir jahrelang das Cliché. Eines schönen Sommertages habe ich mich dann doch auf den Weg gemacht und Wunderbares entdeckt.

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Das Balkanland hat mich völlig geflashed. Wenn du ein Land mit viel eigener Kultur (besonders Musik und Architektur), mit unglaublich klarem Meer, mit Sonnenuntergängen zum Heulen (weil sie so schön sind), mit freundlichen anderen Backpackern, mit Nationalparks wie im Wunderland und mit sehr hilfsbereiten und charaktervollen Einheimischen kennenlernen willst – da hast du’s! Dein Reiseziel für den nächsten Sommer (oder Frühling oder Herbst) steht.

Hinkommen: Der Weg ist das Ziel – Zugfahrt quer durch Europa bis nach Zagreb

Den Rucksack auf der Schulter, die Ukulele auf der anderen, so ziehe ich mal wieder los in Richtung Bahnhof. Ein günstiges Europabahnticket in der Tasche – statt fliegen eben mal entspannte 14 Stunden bis Zagreb im Zug abhängen, einmal umsteigen in München. Denkste. Es kommt natürlich anders – wie immer. Zum Glück.

 

Der Zug ist ab München zum Erbrechen voll. Ein Festival an der Grenze zu Slowenien – die Gänge sind voller Zelte und Schlafsäcke, volle bis halbleere Bierkästen (gibt Schlimmeres) und mittelschwer betrunkene Bayern (gibt nicht viel Schlimmeres) säumen den Weg zum Klo. Die restlichen Quadratzentimeter samt der Gepäcknetze hat eine Kinder- und Jugendreisegruppe mit großen und mittelgroßen Streichinstrumenten eingenommen. Ein Glück, dass ich mit wenig Gepäck schnell und wendig einen Sitzplatz am Fenster ergattere.

Mir gegenüber sitzt ein Dreikäsehoch mit Nickelbrille und Geige, der mir von seiner zukünftigen Karriere als Soloviolonist erzählt. Sagt sein Opa. Dann zockt er mich beim Logikrätselspiel ab. Na klasse. Aber es kommt noch besser.

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Pause mit Alpenpanorama

Schienenersatzverkehr in Österreich, warten, warten, warten, dann mit dem Bus über die slovenische Grenze. So komme ich erst spät nachts am Zielbahnhof Zagreb an. Nach nicht 14, sondern fast 20 Stunden. Jippie.

Ich bin saufroh, gleich in Bahnhofsnähe das Youth Hostel Zagreb gebucht zu haben.

Warum Zug?

20 Stunden Zug – warum tue ich mir das an? Masochismus?

Ich steh‘ einfach drauf, alles zu sehen, was sich zwischen zwei Orten befindet. Da ist diese massive Bergkette, auch Alpen genannt, die sich aus dem Flugzeug so klein anfühlt. Wenn der Zug sich aber ratternd und pumpend durch die Furchen und Abgründe der Bergriesen quält und sich die Landschaft nur langsam, ganz langsam ändert.

Nur so bekommt man ein Gefühl dafür, wie weit es wirklich ist. Wie sehr diese Länder – auch wenn’s Europa ist – auseinanderliegen. Welche Länder, Gezeiten und Orte sich dazwischen schieben.

Umwelt

Ganz nebenbei bin ich auch noch ecofriendly unterwegs. Ohne dass es mir eigentlich bewusst ist.

Noch ein Grund: Sparen!

So ein einfacher Grund: Ich spare Geld. Nicht Zeit, aber Geld. Und gewinne Leben, statt Arbeit. Erlebnisse. Auch wenn’s mal eng wird und länger dauert.

Der Europasparpreis der Deutschen Bahn kombiniert mit Bahncard 25 ist ziemlich unschlagbar, wenn man zeitlich etwas flexibel ist (Hamburg-Zagreb ist ab 38€ oneway zu haben).

Nerd-ich

Sahnehäubchen: Ich bin ein Zugnerd (aber das ist eigentlich geheim). Ich liebe diese ratternden Wesen, die über die Schienen schweben. Habt ihr schon mal ganz hinten aus einem Zug, da, wo der letzte Wagen endet, rausgeschaut? Da, wo die Schienen und die Landschaft sich unentwegt „rauszoomt“? Das ist besser als Kino.

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Nordkroatien mit dem dreieckigen Istrien

Als Backpacker in Kroatien

Unterkünfte

Zugegeben – wir sind hier nicht in Südostasien.

In den hochtouristischen Orten ist es nicht immer so ganz einfach, etwas Bezahlbares für die Nacht zu finden. Gerade in den Sommermonaten. Denn Kroatien ist und bleibt ein Familienurlaubsziel. Dennoch: Es gibt an vielen Orten gute und bezahlbare Hostels, ansonsten im Sommer leerstehende Studentenwohnheime (z. B. in Zadar).

Mein Tipp:

Für den Fall der Fälle ein kleines Zelt und einen dünnen Baumwollschlafsack dabei haben. Und unbedingt Alternativen zur normalen Hotel-/Hostelsuche in Betracht ziehen: Air B’n’B oder Couchsurfing probieren. Das lohnt sich allemal – nicht nur finanziell.

Die Route in Kroatien

Istrien – Pula und Rovinj

Die Reise führt mich nach Istrien. Ein paar Nächte in Pula, wo ich mit einer Freundin verabredet bin.

Zusammen erkunden wir die Stadt mit dem alten Amphietheater, römischen Säulen und Toren und auch ihre verwunschenen Buchten. Hier kann man es sich gut gehen lassen. Alles innerhalb der Stadt ist super zu Fuß erreichbar. Für den Rest gibt es ein gut funktionierendes Bussystem.

Auch den Nationalpark Premantura machen wir unsicher. Und das bei drohendem Gewitter. Dennoch ist es herrlich, sich auf einen der vielen Felsen am offenen Meer zu legen und ab und an über die Kieselsteine ins Wasser zu huschen. Herrlich.

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Per Bus geht es ein paar Tage später ein Stündchen nach Norden, ins Venedig Kroatiens – Rovinj. Hier tauchen wir ein ins waschechte Dolce Vita. Die Pizza steht ihren italienischen Schwestern in nichts nach. Auch der Wein ins nicht von schlechten Eltern, bemerken wir eines versoffenen abends. Die Altstadt-Insel ist wunderschön, verwinkelte Gassen, kleine Künstlergeschäfte, schöne Spaziergänge bieten sich an.

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Hier ist ein Link zu visuellen Impressionen Istriens: Istriens offizielle Tourismusseite.

Nach entspannten Strandtagen und Kletterbeobachtungen (ja, Rovinj ist auch ein Mekka für Bouldern und Klettern!) machen wir uns auf in die Großstadt, Rijeka.

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Rijeka

Grandeur, Nachtleben und etwas Großstadtmief machen die Perle an der Adria zu einer außerordentlich sehens- und liebenswerten Stadt. Ein großer Hafen, tolle Cafés und Märkte. Bei Nacht verwandeln sich die Strandbuchten in Bars: Strandbars genießen ist angesagt. Leute kennenlernen und abfeiern.

Danach will ich wieder etwas Ruhe: Also ab auf die Inseln!

Dalmatien: Mali Lošinj

Rijeka ist das perfekte Sprungbrett für Kroatiens Inselwelt – für 10€ fährt dich die Fähre durch die zerklüftete Insellandschaft und spuckt sich aus, wo dich dein Herz hinträgt. Ich habe lange mit mir gehadert, ob ich lieber in Suzak (sehr einsam) bleiben möchte oder mich ins Getümmel der belebteren Insel Mali Lošinj stürze. Die Zeltnotdurft verwies mich auf letzteres. Keine schlechte Entscheidung! Mali Lošinjs Berge und Buchten sind super per Rad zu erkunden. Eine Genießerinsel vor dem Herrn. Etwas höherpreisig als das Festland.

Zadar

Lebewohl Inselleben – hello Zadar! Wie Musik klingt dein Stadtname noch in meinen Ohren, wie Schnaps perlst du mir noch auf der Zunge. Mein Geheimtipp für deinen Kroatienurlaub.

Superlativen en mass:

Der phänomenalste Kirchbau aus dem 9. Jahrhundert (romanischer Stil) erwartet mich mit einer atemberaubenden Licht- und Klanginstallation auf, die künstlerischen Überraschungen nehmen mit Meeresorgel und einer riesigen fluoreszierenden Schallplatte von psychedelischen Lichtern kein Ende. Sonne, Sonne, Sonne, exotische Cocktailbars unter freiem Himmel, junge sexy Kroatenbands lassen das traditionelle Liedgut lebendig werden, während ich heulen muss, weil die Sonne so herrlich im Inselarchipel vor Zadar versinkt. Dramatisch. Und wenn sich einer mit Dramatik auskennt, dann ja wohl Alfred Hitchcock. Ihmzufolge ist der Sonnenuntergang in Zadar der allerschönste der Welt. Selbst schöner als in Key West, wo die Leute dem Sonnenuntergang mit Klatschen begegnet. Ich und Alfred können nicht irren.

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Plitvicer Seen

Krotien hat immer noch einen draufzusetzen. Der feenlandhafte Nationalpark Plitvice auf halbem Wege zwischen Zadar und Zagreb solltest du auf keinen Fall auslassen. Die Kroaten sind stolz wie Bolle darauf. Man muss die kroatische Seele schon mutwillig beleidigen und verletzen wollen, sollte man sich gegen einen Besuch dieser tieftürkisgrünen Seen und Wasserfälle entscheiden. Und auch ich rate strengstens davon ab. Allerdings darf man nicht zu sehr aus Zucker bestehen oder bereit sein, sich entweder in einen blauen Müllsack oder seine Regenjacke zu hüllen. Das Klima, das diese wahnsinnig schöne Landschaft hervorgebracht hat, ist nun mal – sagen wir mal milde – verregnet. Aber du willst ja alles sehen und aufsaugen, auch den Regen. Also hin.

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Zurück nach Zagreb

Hier schließt sich der Kreis: In der kleinen Mini-Hauptstadt mit östereichischem Ambiente, mit seinem „Museum of broken hearts“ und der besten Studentenbar des Landes (hier!) sage ich Kroatien schweren Herzens „Hvala“ („danke“) und bye bye.

Fazit

Es ist nicht so leicht, zu erwägen, was man hätte anders machen können. Vielleicht war es ein Fehler, den Süden Kroatiens auszulassen. Split. Dubrovnik. Andere Inseln.

Bestimmt sind sie auch schön und besonders. Vielleicht das besagte Suzak. Oder die Insel Krk, die niemand so recht aussprechen kann, der nicht dort gewesen ist.

Gern hätte ich auch eines der vielen Festivals auf den Inseln besucht. Das Lighthouse Festival zum Beispiel. Hat leider dieses Mal nicht mit reingepasst.

Ich weiß aber:

Für mich und meine Verhältnisse war dieser Urlaub super, viele Menschen aus verschiedenen Ländern kennenzulernen, irre Landschaften zu sehen, eine gehörige Portion Spontanität zu haben und anzuwenden, genießen, erleben, hören, fühlen und staunen.

So sieht Reisen aus. Oder Urlaub.

Wenn es denn da überhaupt einen Unterschied gibt. Darüber habe ich hier geschrieben.

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Hat dir der Artikel weitergeholfen beim Entscheiden? Inspiriert? Hast du etwas anderes in Kroatien erlebt? Ich freue mich auf deine Meinung!

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3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Wunderbarer Bericht. Wir waren 2011 etwas bequemer mit dem eigenen Auto unterwegs und sind quasi „einmal durch“ mit diversen Übernachtungsstops zwischen Zagreb und Dubrovnik (Route https://timafe.files.wordpress.com/2016/02/2016-02-03-21_04_13-kroatien-roadtrip-2011.jpg). Von dort sind wir dann mit der Jadrolinija Autofähre zurück nach Rijeka und über Ljubljana nach Hause. Mit der gleichen Fähre war ich bereits mit meinem Eltern in den 80ern unterwegs, leider wurde die Küstenroute inzwischen angeblich eingestellt, so dass diese „slow travel“ Option dann wohl wegfällt. Nichtsdestrotz: Kroatien gerne wieder, Istrien hat noch viele weiße Flecken und im Süden könnte ich mir gut einen Abstecher nach Montenegro vorstellen.

    1. Mara Villiosa sagt:

      Toll, das klingt nach einer spannenden Tour! Die Länder südlich von Kroatien werd ich auch mal näher ins Auge fassen….

  2. feline sagt:

    Sehr fetzig geschrieben! Beste Grüße

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