Urlaub vom Reisen – fünf Unterschiede

In Goa war es soweit. Ich hatte genug. Keine neuen Eindrücke wollten mehr in meinen Kopf, mein Herz war voll. Ich wollte nichts Fremdes mehr sehen. Das Reisen hatte mich geschafft. Der bunte Markt sollte doch meinetwegen bunter Markt bleiben, die Currys schmeckten sowieso überall gleich, die Kühe auf den Straßen nervten, dieses ganze angestarrt werden, nur weil ich ein bisschen weißere Haut hatte, zum Kotzen. Außerdem stank einfach alles. Keine Frage. Ich brauchte Urlaub.

Vom Reisen.

Wie jetzt?! Ist Reisen nicht ähnlich wie Urlaub? Oder kann man wirklich zwischen den Begriffen unterscheiden? Zu der ewigen Diskussion habe ich mir einige Gedanken gemacht.

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Abendstimmung in der Nukubalavu Bay auf Qamea/Fiji. Hier bin ich beim Vagabundieren für vier Wochen gestrandet.

Wirklich ein Unterschied?

Die Trennung der Begriffe „Reisen“ und „Urlaub machen“ ist beliebt, besonders bei Backpackern, die sich oft anders, ja legitimierter fühlen, sich in einem fremden Kulturkreis aufzuhalten und sich gerne von den „faulen Urlaubern“ abgrenzen. Das Urlauberklischee: Vollpension, Hotelanlage, mit Handtuch reservierte Poolliegen, schreiende Kinder.

Ich finde die Abgrenzung schwierig, denn selbst der Begriff „Backpacker“ beinhaltet schon eine Fülle von verschiedenen Reiseformen. Ich habe sogenannte „Backpacker“ kennengelernt, die sich weniger als ein durchschnittlicher Urlauber für ihr Reiseland interessieren. Manchmal springt man vom einen zum anderen – einen Tag Urlaub, einen Tag Backpacken.

Ich will dennoch versuchen, ein paar stereotype Unterschiede zu finden.

1. Das Ziel

Du willst Urlaub machen, hast viel gearbeitet, geschuftet, malocht und Geld gespart, und musst dich nun mal richtig entspannen. Dafür hast du zwei Wochen, wenn es gut läuft vielleicht drei Wochen Zeit. Danach, so der Deal mit dem Arbeitgeber und dir selbst, musst du entspannt genug sein, um wieder ein paar Monate Arbeit durchhalten zu können. Dafür suchst du dir den passenden Ort, meist ein Hotel, in dem du rundum versorgt wirst und dich um nichts zu kümmern brauchst. Wie ein Baby wirst du gepampert, kriegst Massen von Essen und Trinken vorgesetzt, schaltest dein Hirn aus. Und typischerweise warst du schon 4 Mal an genau demselben Ort, du kennst die Bäckerin mit Namen und genießt es, das altvertraute wiederzusehen. Hier kannst du die Seele baumeln lassen. Alles, was du zu tun hast, ist entspannen und für deinen Teint zu sorgen, so dass auf der Arbeit jeder sehen wird, wie lange du dich tatenlos in der Sonne geaalt hast.

Der Reisende hingegen ist meist in einer freieren Situation. Entspannung ist nicht das, was er sucht. Er möchte Erleben. Seine Lebendigkeit spüren, sich selbst neu erfinden und durch Eindrücke fremder Lebensweisen, Verhaltensweisen und Bräuche sein eigenes Weltbild, seine Anschauung des Lebens hinterfragen. Ein hehres Ziel.

“Travel is more than the seeing of sights; it is a change that goes on, deep and permanent, in the ideas of living”

Miriam Beard (http://www.vagablogging.net/)

Das braucht seine Zeit. Womit wir schon beim nächsten Aspekt wären.

2. Der Zeitaspekt

Typischerweise nehmen sich Backpacker für ihre Reise mehr Zeit. Das ist auch nötig, um die hochgesteckten Ziele zu erreichen. Erst nach einigen Wochen beginnt man, sich heimisch zu fühlen, nicht alles ist mehr fremd. Man versteht Menschen und Gewohnheiten besser, kann sich leichter einfühlen. Die Fremdheit wird langsam überwunden. Oder das Gegenteil passiert – der Reisende gerät in eine Abwehrhaltung der fremden Kultur gegenüber und verschließt sich. So oder so – hinterher hat er (hoffentlich) etwas gelernt: Über die Welt und die neue Kultur, aber vor allem etwas über sich selbst.

Der Urlauber hat meistens nicht so viel Zeit. Er hakt Sehenswürdigkeiten ab, muss gleich weiter zur nächsten, um das meiste aus seiner Urlaubszeit zu machen. Ihm bleiben persönliche Kontakte meist verwehrt, zumal er sich meist in Reisegruppen (oder sollte man sie Urlaubsgruppen nennen?) versteckt und eh gleich wieder abhaut. Wie soll er da auch jemanden kennenlernen? Er jagt den besten Fotos hinterher und hat keine Zeit für Erlebnisse, die sich nicht planen lassen, wie persönliche Begegnungen mit Einheimischen.

3. Allein oder Gruppe?

Ein Reisender weiß es zu schätzen, alleine (oder als symbiotisches Pärchen) unterwegs zu sein. Das hat viele Vorteile. Zum Beispiel den, dass die Einheimlischen einen (in manchen Ländern) nicht gleich aus einem Kilometer Entfernung als Tourist erkennen. Oder dass man sich selbst aussuchen kann, wo man gerne essen möchte und nicht auf die festen Arrangements des Gruppenleiters angewiesen ist ( – da wird sowieso grundsätzlich beim Cousinbrother des Tourveranstalters gespeist). Der Alleinreisende, vernarrt in seine Individualität, wie er nun einmal ist, hasst es fremdbestimmt zu werden.

Die Gruppenhammel schließen sich ihrem Guru an und hängen ihm an den Lippen. Sie sehen nur das, was sie gezeigt bekommen. Sie arbeiten ein Programm ab. Sie können nicht bleiben, auch wenn es ihnen noch so gut gefällt. Sie speisen das, was ihnen vorgesetzt wird, nicht das Streetfood, das am besten riecht und wo die nettesten Leute sitzen. Die armen Irren. Immerhin besser als gar nicht wegzufahren.

4. Geld und Luxus

Beim Reisen entsteht eine Gleichung, die auf den ersten Blick nicht logisch scheint. Weniger Geld = mehr Erleben. Klar, die Flashpacker sind die Backpacker, die noch im gleichen Stil wie damals reisen wollen, nur dass sie jetzt mehr Geld für Transportmittel und Übernachtungen ausgeben. Aber es bleibt streitbar, ob dadurch nicht auch die Erlebnisse verändert werden. Nehme ich zum Beispiel die teurere Fähre auf dem Ayeyarwady, wen treffe ich darauf? Bestimmt nicht die einfache Landbevölkerung. Reise ich mit Airconditioning in einem rumänischen Zug, dann bleibt mir das Erlebnis „bei voller Fahrt an der offenen Tür stehen“ vorenthalten.

Je mehr Geld ich also für die Vor-Ort-Transportmittel und die Übernachtungen sowie auch Essen ausgebe, je mehr Luxus ich buche, desto mehr schließe ich unvorhersehbare Erfahrungen und Kontakt mit Einheimischen aus.

Womit wir nun direkt beim letzten und wichtigsten Punkt angekommen wären….

5. Das Unvorhersehbare

Der Reisende verabscheut es, Flüge im Voraus zu buchen, sich auf einen bestimmten Zeitplan festzulegen oder seine Spontanität von äußeren Umständen einschränken zu lassen. Denn er hat eines verstanden: Reisen in seiner besten Form ist, ähnlich dem Leben an sich, nicht planbar. Beim Reisen sowie im Lauf des Lebens kommt man zwangsweise an Weggabelungen. Abgründe tun sich auf, die man nicht überbrücken kann, plötzliche glückliche Zufälle entführen an Orte, von denen man vorher noch nicht mal zu träumen wagte.

Vagabonding

Ich möchte die Begriffe Reisen und Urlaub um einen Begriff zu erweitern, der für mich eben diese Königsform des Reisens darstellt: Das Vagabundieren. Dieser Begriff fügt alle positiven Aspekte des Reisens zusammen – Zeit haben, kein Ziel verfolgen und dadurch Offenheit für das Jetzt entwickeln.

Rolf Potts drückt in seinem reisephilosophischen Buch „Vagabonding“ die Zweiteilung der über den Globus ziehenden so aus: Er unterscheidet „looking“ und „seeing“ – die einen gucken nur, die anderen sehen wirklich.

„This is why vagabonding is not to be confused with a mere vacation where the goal is only escape. („Vagabonding“, p. 159)

Die Blogger von my-road.de haben eine ganze Blogparade zum Thema gestartet. Spannende Meinungen kommen da zusammen:

http://my-road.de/unterschied-urlaub-und-reisen/

Epilog

Ein paar Jahre ins Arbeitsleben hinein treibt mich die Frage um, ob ich nächste Woche, wenn ich für 4 Wochen nach Burma und Kambodscha aufbreche, Reisen werde, ob ich vagabundien kann oder ob ich Urlaub mache. Ich werde versuchen, so viel Reise- und Vagabundenelemente wie möglich einzubauen. Der Plan ist, nur Zug, Boot und Bus zu nehmen – slow travel. Aber klar, ich will auch viel sehen! Die Zeiteinschränkung macht es nicht einfacher.  Irgendwo muss ein unfauler Kompromiss her, das ist die Crux. Was meinst du dazu? Bin für jeden Tipp dankbar!

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3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Hi Mareike,
    haha… in Goa brauchte ich auch erst mal Erholung vom restlichen Indien 😀 Habe bei deiner Einleitung richtig mitgefühlt! 😉
    Was ich mich nun frage: Kann man die Dinge, die du mit Vagabundieren assoziierst, nicht auch bei einem stereotypen Urlaub bzw. einer Reise erleben?
    Liebe Grüße aus Delhi,
    Francis

  2. Mara Villiosa sagt:

    Hi Francis,
    danke für deinen Kommentar! Die Begriffe sind doch alle ziemlich nah aneinander und vermischen sich immer stärker, je mehr man wirklich darüber nachdenkt. Man könnte auch zu dem Schluss kommen: Jeder Mensch ist anders, daher ist auch jede Reise/jeder Urlaub anders.
    Der Vagabundieren- Begriff von Ralf Potts erweitert das Spektrum noch, indem er sagt, die Unplanbarkeit von Reisen und die Zentrierung im Jetzt, die damit einher geht, sind das, was das Reisen (oder will man es nun Vagabundieren nennen 🙂 so erstrebenswert macht.

    Für mich persönlich ist es wichtig, beim Reisen nicht getaktet zu sein und gerade diese Tage des „Ich-lass-heute-einfach-alles-auf-mich-zukommen-und-gucke-nicht-in-den-Reiseführer“ zu erleben. Aber eben nicht zwischen den Poolleichen zu liegen, sondern mich neugierig in unbekanntes Gebiet zu begeben.

    Alle Begriffe hin oder her: Am wichtigsten ist, das jeder sich bei seiner eigenen Reiseart wohlfühlt und so viel wie möglich dabei für sich selber mitnimmt.

    Liebe Grüße in nach Asien! Heut geht’s bei mir auch wieder los!
    Mareike

  3. Daniel sagt:

    Hey Mareike,

    lieben dank für deine Zeilen. Ja der Reisende muss sich wohl fühlen. Dennoch finde ich die Ansätze enorm spannend, denn manchmal ist es wichtig, sich selbst in eine unangenehme Situation zu bringen. Aus solchen Gegenbenheiten lernen wir und kommen gestärkt hervor.

    Bei meinen Reiseberatungen komme ich mir manchmal auch wie ein Psychologe vor. Da wird die Reise mit Erlebnissen „vollgestopft“ und ich muss etwas beschwichtigen: „Wollen wir nicht nach dem Transfer einen Tag Ruhe einplanen?“

    Ich verstehe die Schwierigkeit, drei Wochen Urlaub wollen genutzt werden. Aber am Ende entscheidet doch jeder selbst, ob diese sinnvoll waren. Also nicht zu viel vornehmen, sondern sich Zeit zur Ruhe einplanen. Dinge wirken lassen!

    LG Daniel

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