Totes Meer: Am tiefsten Punkt der Welt

Es ist verdammt still als der Egged Bus nicht mehr zu hören ist. Er hat einige seiner Mitfahrer an einer unkenntlichen Haltestelle bei En Gedi ausgespuckt, etwa eine Busstunde von Jerusalem entfernt. Hier soll ein öffentlicher Strand sein. Kein Lüftchen bewegt sich, kein Tier weit und breit, sengende Hitze. Stille. Die Felsen der Judäischen Berge am Westrand des Toten Meeres sehen karg und schroff aus, manche Höhleneingänge wie finster dreinblickende Gesichter. Die Gegend scheint tot.

Auf dem Weg zum Toten Meer
Auf dem Weg zum Toten Meer

Die unwirtliche Gegend liegt sage und schreibe mehr als 400 Meter unterhalb des Meeresspiegels – der tiefte Punkt auf der Erde, der nicht unter Wasser ist. Eine Linie auf einem Schild, das der Bus passiert hat, markierte Normal Null. Das liegt nun mehr als vier Fußballfelder breit über dieser Bushaltestelle. Etwas Gutes hat dieser Umstand: Trotz der Hitze verbrennt die Haut nicht so schnell wie an anderen Orten dieses Breitengrads.

Camper vor dem Salzdunst, gegenüber Jordanien
Camper vor dem Salzdunst, gegenüber Jordanien

Mit verblichenem 60er-Jahre Charme lockt der teilüberdachte Weg hinab zum Meer, das strenggenommen ein See ist. Der Jordan staut sich hier auf. Einen Abfluss gibt es nicht. Da dem biblischen Fluss aber immer mehr Wasser abgeschröpft wird, bevor er das Meer erreicht, sackt der Seespiegel jährlich über einen halben Meter ab – im letzten Jahrzehnt über sechs Meter. Wird es damit auch noch salziger, frage ich mich, als mir mein holländischer Begleiter diese schlechte Nachricht überbringt.

Die Überdachung ist funktional, die Sonnenschirmplätze unbesetzt.

„Das kommt ganz drauf an, was die Nahoststaaten nun mit dem Toten Meer machen“, gibt Tom zu bedenken. Er ist wohl besser informiert als ich. „Wenn sie wirklich ihre Pipeline bauen und Wasser aus dem Roten ins Tote Meer leiten, dann sehe ich schwarz.“ Was dann passieren würde ist schwer vorstellbar – das weniger salzige Wasser würde auf dem schweren 30%igen Salzwasser schwimmen und eine Gipsschicht könnte sich bilden. Dann wäre es vorbei mit dem Badevergnügen, den Kurhotels und dem Tourismus.

Endlich breitet sich das Tote Meer vor meinen Augen aus. Trotz bestem Wetter ist die jordanische Küste gegenüber in Dunst eingehüllt. Auf den letzten Metern geht der Weg steil bergab. Eine Salzkruste umsäumt die Wasserlinie. Im Flachwasser verlustieren sich einzelne Gestalten, sonst liegt das Meer komplett still da. Ein paar hundert Meter nach rechts küsst sich ein junges Pärchen. Ein Herr mit Bauch sitzt auf dem Wasser und hält einen umfunktionierten Regenschirm über sich. Er schwimmt oben, nicht nur der Bauch guckt raus. Jemand sammelt Salzkristalle am Ufer. Einige Mutige trauen sich etwas weiter raus, dahin, wo das Meer türkisblau wird. Die ca. 15 Badenden verteilen sich gut, hier ist viel Platz.

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Es wird Zeit für das Selbstexperiment. Die ersten Schritte barfuß sind gewöhnungsbedürftig, schroffe Steine machen das Vorwärtskommen beschwerlich. Aber die Gerüchte über die 30°C-warme Brühe locken weiter. Schließlich gibt es unzählige Schönheitsproduktserien mit den Salzen und Mineralien aus diesem See, Thermalbäder mit Salzgrotten zum Salz inhalieren, Unternehmer, die das weiße Gold tonnenweise nach Europa und um die ganze Welt schiffen. Das Bad darin muss also Wunder wirken – vielleicht verjüngt es sogar, und ich komme als Dreijährige wieder raus? Oder ich werde zumindest die Nackenschmerzen los, die ich mir im Jerusalemer Hostelbett eingebrockt habe, so meine Hoffnung.

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Hinter den kantigen Ufersteinen wird das Wasser nun tiefer, und haut mich fast um – die Schwerkraft scheint bereits außer Kraft gesetzt. Um die guten Ratschläge nicht gleich in den Wind zu schlagen – kein Wasser ins Auge, nichts davon trinken -,  hocke ich mich vorsichtshalber hin und bewege mich noch behutsamer. Ich fühle mich immer leichter, je tiefer ich eintauche. Das Wasser drückt mich faktisch nach oben. Es scheint fast ölig und hinterlässt eine fühlbare Schlacke auf der Haut. Endlich schwebe ich komplett, das Wasser hat mich mit dem schwersten Punkt – dem Hintern – sanft nach unten verlagert. So lässt es sich wunderbar sitzen, entspannen und umhertreiben.

Hier kann zwar keiner untergehen, Vorsicht ist aber dennoch geboten: Ein halbes Glas des Gebräus zu schlucken, soll bereits töten. Ich probiere trotzdem, unfreiwillig, denn ein Tropfen läuft mir aus den Haaren direkt in den Mund. Na, wie gedacht, ziemlich versalzen, die Suppe. Unschöner wird es, als ein Tropfen sich auch noch auf den Weg in mein rechtes Auge macht. Eine nicht zu empfehlende Erfahrung. Tauchen ist hier also nicht angesagt. Tröstenderweise hält sich die Unterwasserwelt gelinde gesagt auch in Grenzen – Mikroben sind die einzigen Lebewesen.

Schöner anzusehen sind die Salzkristalle an den Ufersteinen, die skurrile Formen bilden können.

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Nach einer halben Stunde schweben, möchte sich meine Haut von der ungewöhnlichen Suppe befreien. Die kleinsten Hautschrammen und Blessürchen prickeln und ziepen unter der Salzkur. Tipp: Lieber mit Stoppeln ins Meer als frischrasiert!

Zum Glück reicht die Infrastrucktur für ein paar Süßwasserduschen aus, die Haut atmet erleichtert auf. Meine Nackenschmerzen haben sich heimlich verflüchtigt, die Muskeln sind so entspannt wie nach fünf Saunagängen und einer Woche Urlaub. In Frieden mit der Welt und mir gehe ich meiner Wege. Den sich hier im Lande streitenden Extremisten wünsche ich einen täglichen Badezwang an den Hals, vielleicht versöhnt sie das ein wenig.

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Die Sonne senkt sich schon hinter die Judäischen Berge, als der Egged Bus aus En Gedi angerauscht kommt und seine Fahrgäste über und an den Kratern vorbeiträgt, die sich seit Jahren rund ums Tote Meer auftun. Das Grundwasser wäscht hier Salzschichten aus, da das Meerwasser derart schnell zurückgeht. Die Hohlräume stürzen oft ein, jeden Tag bildet sich ein weiteres tiefes Loch irgendwo am Ufer. Angeblich auch unter der Uferstraße, über die der Bus fegt. Wie lange kann man diesen wundersamen Fleck Erde und Wasser wohl noch genießen?

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