Myanmar – Mit dem Fahrrad durchs Tempelmeer in Bagan

Burma ist das spannendste Land, das ich kenne. Ich war vor kurzem schon zum zweiten Mal dort, ich musste mir mit eigenen Augen ansehen, was sich seit der Öffnung verändert hat. Die Erzählung, die du hier findest, stammt von meinem ersten Besuch im Land der 100 000 Pagoden, 2010. Vieles, besonders Bagan, hat seinen alten Charme behalten. Lest selber, was es in Bagan zu erleben gibt!

___________________________________________________

Noch ist das Land Burma beinahe ursprünglich, die Touristenhorden haben es nicht komplett eingenommen, verwestlicht. Kein Vergleich mit Angkor Wat in Kambodscha. Vielleicht hilft auch die Regenzeit, es ist Juli. Selbst Myanmars Juwel Bagan kann man auf eigene Faust in Ruhe erkunden. Ich fahre auf einem Fahrrad, dass ich für 1000 Kyat (ca. 1 Euro) gemietet habe, über Schotter- und Feldwege. Etwa 2200 der ursprünglich 10.000 Tempel gibt es noch. Sie sind so alt wie Angkor Wat. Auf dem Weg treffe ich auf die 14-jährige Lackschalenverkäuferin Thidar, die mich prompt zu sich nach Hause einlädt.

Thidar – meine burmesische Freundin

Die Fahrradreifen pflügen durch den feinen Sand und kämpfen sich weiter vor in Richtung der Erdinsel, auf der verlockend drei Bambushütten warten. Die Verheißung für die Radler heißt Schatten, Kühle, Wasser. Die Mittagssonne hat den Sand so weit aufgeheizt, dass die Füße in Flipflops bei jedem Schritt aufschreien. Thidars Sohlen sind abgehärtet. Das jung wirkende Mädchen mit den tiefschwarzen Augen schiebt ihr rostiges Fahrrad bis vor den Eingang. In dieser Hütte am südlichen Rand New Bagans wohnt sie seit der Umsiedlung aus Old Bagan mit ihrer Mutter, ihren zwei kleinen Geschwistern und manchmal auch mit ihrem Vater, der – nicht unüblich, auch nicht im heutigen Burma – irgendwo eine Zweitfamilie hat und sich deshalb wenig um seine Erstfamilie kümmert.

Thidars Bambushütte am Rand von New Bagan
Thidars Bambushütte am Rand von New Bagan

Bagan – Versinken im Meer von buddhistischen Tempeln

Im Herzen des Landes, 280 km und eine zwölfstündige Schiffsreise von Mandalay entfernt, schmiegt sich die Tempelstadt Old Bagan in eine Biegung des ockerfarbenen Ayeyarwady-Flusses. Obwohl der Monsun die wüstenartige Gegend weitgehend verschont, ist das andere Ufer nur schwerlich erkennbar. Östlich des Flusses erstreckt sich das größte buddhistische Ruinenfeld der Welt. Tempel und Stupas durchsetzen das Land soweit das Auge reicht und verlieren sich als winzige Türmchen am Horizont. Dahinter die Bergsilhouette. Baustile aus unterschiedlichsten Jahrhunderten vermengen sich zu einem neuen Ganzen: Pagoden wie Flaschenkürbisse, glockenförmige Stupas, Tempelspitzen wie Bananenknospen. Manche sind vergoldet oder weiß angestrichen, die meisten aus kahlem Stein. Hier haben einmal geschätzte 200.000 Menschen in der damals größten buddhistischen Metropole gewohnt. Nur die Steinbauten blieben davon erhalten. Erosion und wiederkehrende Erdbeben haben vor ihnen dennoch nicht Halt gemacht und umgeben sie heute mit der erhabenen Aura des irgendwie anmutigen Verfalls.

In diesem Video fliegst du durch die Tempellandschaft

Mittagessen: In der Bambushütte

Der Wind pustet durch die Wände von Thidars Bambushütte und ersetzt die Klimaanlage. Die Sonnenstrahlen durchstechen das Bambusgebäude an den gleichen Stellen. Auch das Dach lässt viel Licht hinein – links oben nahe der dünnen Holztür klafft ein pfannengroßes Loch. „Das müssen wir unbedingt vor dem Monsun reparieren“, sagt Thidar zu ihrer Cousine, die im Schneidersitz auf der Bastmatte im erhöhten Wohnteil der Hütte sitzt. Die kleine barfüßige Frau um die Vierzig hat ihre Haare zu einem Dutt gesteckt und trägt Goldohrstecker. Sie kratzt mit einem kleinen Werkzeug zierliche Muster in eine schwarze Lackschüssel. Diese wird Thidar später an ihrem Arbeitsplatz, dem Dhammayangyi Tempel, an Touristen verkaufen.

CIMG9459
Thidars Tante kratzt Muster.
Thidar tischt auf. Es gibt Reis, Baby.
Es gibt Reis, Baby! Thidar tischt auf, die Wangen voller Thanaka.

Es gibt Reis, gemischtes Gemüse und gebratenes Ei, das Thidar mir selbst am Herd vor der Behausung zubereitet hat. Sie hat sich nicht daran gestoßen, dass ich kein Fleisch esse, selbst wenn es in ihrer Kultur wohl abnormal ist, „das Beste“ zu verschmähen.

Burmesische Jugend

Bereits als Zehnjährige musste Thidar für die Familie Geld verdienen gehen. Sie nimmt gerne Kontakt zu Menschen aus fernen Ländern auf. So hat sie nicht nur das gebrochene Englisch gelernt, sondern mit ihrer sehr direkten Neugierde auch viel über ferne Länder, Sitten und Lebensweisen erfahren. „Jeder Tourist, den ich kennenlerne, macht das Fenster zur Welt ein bisschen mehr auf“, sagt sie. Manchen lädt sie dann auch zu sich nach Hause und hofft auf etwas finanzielle Unterstützung. Ihr Traum ist es, das, wovon die Touristen erzählen, mit eigenen Augen zu sehen. Europa, den Eiffelturm, New York. Die Welt begreifen. Sie fragt mich aus über Beziehungen, über Aufklärung, wie die kleine Schwester die große. Sie möchte keine Kinder, sie sieht wie sehr es ihre Cousinen abhängig macht. Von Männern, die nicht da sind.

Auf Entdeckungstour auf dem Feldweglabyrinth
Auf Entdeckungstour auf dem Feldweglabyrinth

Sandpainting und Longhi

Die Fahrradkette ächzt, der steinerne Pfad, der zu einem der kleineren Tempel inmitten von vertrockneten Feldern führt, ist wohl doch zu viel für den alten Drahtesel. Es ist etwas abgelegen, man wähnt sich allein. Aus dem schattigen Inneren des Gotteshauses materialisiert sich aber bald ein schwarzhaariger sympathisch lächelnder Mann. „Buy sand painting?“ fragt er flehentlich. Seine Beine sind in einen Longhi eingewickelt. Hier kommt wohl selten jemand vorbei. Die Bilder, die er auf dem Boden ausgebreitet hat, zeigen buddhistische Szenen, Figuren, Buddhas Füße. Der Verkäufer ist zugleich Tempelwächter, erzählt er, er passe Tag aus Tag ein auf den Tempel auf.

Sandpainting oder Imitat?
Sandpainting oder Imitat? Schön ist es allemal, passt aber in keinen Rucksack der Welt
CIMG9376
Meditierender Buddha

Buddhas und Tempel

Durch den dunklen Gang führt eine Treppe hinauf zu einer Art Altar. Buddha thront darüber, die Hände im Schoß gefaltet. Ist er untätig? Von hier führt eine Tür aufs Tempeldach, das aus mehreren Plateaus besteht. Hinter der höchstens knöchelhohen Brüstung geht es steil bergab. Das Tempelmeer erstreckt sich in alle Richtungen. Manche Stupa blitzt golden über einige Kilometer Entfernung herüber.

So weit das Auge reicht…
CIMG9387
Der Longhi weht im Wind

Thanaka, das burmesische Makeup

Thidar gießt nun etwas Wasser aus dem Krug auf den runden Reibestein und vermischt es mit dem gelblichen Pulver aus feingeriebener Rinde des Holzapfelbaumes. Mit dieser kosmetischen Paste, Thanaka, malt sie ihre Wangen und Stirn an, auch die Nase kriegt etwas ab. Sie bietet auch der westlichen Besucherin etwas an, die Sonnenschutz und Hautkühlung ebenfalls gut vertragen kann. Nach der Mittagshitze und mit Thanaka im Gesicht radelt es sich viel besser.

Beautyritual
Das burmesische Schönheitsideal

Hinter dem Eingangstor zum Hofe des dicken Dhammayangyi Patho bieten Verkäufer unaufdringlich ihre feingearbeiteten Marionetten und Lackschälchen an. Im Tempelinneren neben dem liegenden Buddha verkauft Thidar die Schälchen ihrer Cousine. Vor dem Tempel klettern drei Touristen glücklich und erleichtert aus dem hinteren Teil einer Pferdekutsche. Die holprige Fahrt über die Schotterwege, die viele Tempel Bagans verbinden, hat endlich ein Ende, ihre wundgesessenen Hintern können sich regenerieren. Wären sie doch nur Fahrrad gefahren.

Sonnenuntergang in Bagan

Es ist Sonnenuntergangszeit, die beste Baganzeit. Sämtliche Touristen, so scheint es, haben sich auf die erklimmbaren Tempel begeben, um die Sonne hinter der Tempelsilhouette im Ayeyarwady versinken zu sehen. Die Kutschen und Taxis warten unten auf sie. Mit ihnen möchte ich nicht tauschen.

Auf der Straße von Old Bagan nach Nyaung U ist es ruhig. Das Abendlicht verleiht den Tempeln, Palmen und auch den normalerweise weißen Hungertuch-Kühen auf den Feldern einen impressionistischen Farbton. Die Bäume werfen lange Schatten auf den Weg. Immer neue Tempel tauchen hinter ihnen auf. Eine Gruppe burmesischer Männer und Frauen hat sich unter einem Baum versammelt. Die Männer tragen die landestypischen Tuchröcke, Longhis. Sie scheinen ebenso die angenehme Kühle der Abendluft zu genießen.

Bagankitsch
Der Himmel malt.

Hochgefühl im Dämmerlicht

Die Straße ist nun asphaltiert, das alte Mietfahrrad quält sich dennoch sehr. Die Reifen sind fast platt. Selbst dieser missliche Umstand kann das Hochgefühl nicht bremsen – im Abendrot mit einer frischen Brise im Haar wirkt diese Museumslandschaft wie eine Traumwelt aus einer anderen Welt.

Ohnmacht, Armut und Versprechen

Neben mir fährt Thidar, die ich ein paar Tage später hier zurücklassen werde. Auch ich werde ihr mit meinen paar Dollars nicht viel weiterhelfen können. Ein Ohnmachtsgefühl bleibt, dass auch mit dem Versprechen zu schreiben und wiederzukommen nicht gelindert werden kann.

________________________

Hast du Fragen über Bagan? Warst oder bist du gerade dort? Was hast du erlebt? Hast du Einheimische kennengelernt? Welcher Tempel ist für dich der schönste?

Rein in die Kommentare!

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s